Travelreport von der Stella Maris, Kiel


Hallo ,

ich bin noch den Bericht über den Abschluss unserer vierjährigen Segelreise schuldig, die uns zu den Kanaren, Kap Verden, dann ins Mittelmeer und Schwarze Meer und zurück führte.

Meinen letzten ausführlichen Bericht schrieb ich von den Azoren. Danach haben wir noch drei Häfen angelaufen, wenn man von einer Nacht in Brunsbüttel im Kanal absieht.

Die erste Etappe – Azoren zu den Scillys war mit 1.200 sm die längste. Wir erwarteten, nach etwa 100 sm in Richtung Nord in die Westwinddrift zu gelangen und dann mit frischen westlichen Winden Richtung Nord voranzukommen. Die ganze Zeit – lange 12 Tage – hatten wir jedoch ein riesiges Hochdruckgebiet über uns, das von den Azoren bis in die Biskaya und Südirland reichte. Es waren zwar gelegentlich Wolkenfelder eingelagert, es kam streckenweise Nebel auf, es gab Nieselregen, aber immer wenig oder keinen Wind. Wir sorgten uns ein wenig, bei Nebel in das strömungsreiche Gebiet der Scillys einzulaufen, aber rechtzeitig wurde der Nebel vertrieben und bei klarer Sicht erreichten wir St. Marys, die Hauptinsel der Scillys.

Auf dem Weg dorthin begleitete uns eines Tages eine große Schule von gewöhnlichen Grindwalen (ca 30 bis 50 Tiere). Sie schwammen etwa eine halbe Stunde neben uns, hatten viele Jungtiere in ihrer Gruppe und die jüngsten schienen an der Seite ihrer Mütter festgeklebt zu sein. Sie veränderten, so schien es, keinen Millimeter ihre Position, wenn Muttern eintauchte und wieder auftauchte. Ein grandioses Schauspiel, wenn die Tiere auch nicht sehr groß waren. Zu Hause habe ich dann im Buch nachgeschaut, sie werden bis zu sechs Meter lang.

Sonst geschah, wie schon gesagt, wenig oder gar nichts, nur dass die Reise sehr lange dauerte und Gottlieb, unser Motor, uns öfter helfen musste, wenn der Wind ganz verschwand.

Mit dem Anlaufen der Scillys wurde mir ein lang gehegter Wunsch erfüllt. Wolfgang war mit Freunden schon 1996 dort gewesen, als ich noch Frondienste in der Firma leisten musste.

Das Klima der Scillys, umgeben von warmem Wasser des Golfstromes, ist besonders mild. Selbst mediterrane Pflanzen, die dort angepflanzt wurden, entwickelten sich prächtig und verbreiteten sich wild. Auf Tresco, einer weiteren Insel haben Mönche eines Klosters schon vor etwa 800 Jahren einen botanischen Garten angelegt, der sich üppig entwickelt hat und auch Ende Juli noch prachtvoll bunt blühte.

Als eine Regenfront angekündigt wurde und der Wind im Kanal von östlichen Richtungen auf West drehte, liefen wir aus. Unser Ziel war Cherbourg. Nach zwei Tagen konnten wir dort fest machen. Das letzte Mal waren wir vor sieben Jahren dort gewesen, als wir von unserer Weltumseglung nach Hause kamen. Kaum hatten wir damals angelegt, kamen fünf Personen vom französischen Zoll an Bord, um etliche Fragen zu stellen, die Untersuchung des Bootes fiel aber eher nebensächlich aus. Die Leute verfielen untereinander in eine heftige Diskussion, als wir nach einem guten Restaurant fragten, weil wir die Rückkehr auf den europäischen Kontinent bei gutem französischem Essen feiern wollten. Schließlich einigten sie sich auf eine Empfehlung und wir haben bei moderaten Preisen wie Gott in Frankreich gespeist. Unser Versuch, dieses Restaurant jetzt wieder zu finden, scheiterte.

Auf dem Weg von den Scillys nach Cherbourg hatten wir plötzlich Abgas in der Kajüte und Wolfgang hörte ein sonst nicht übliches Geräusch am Motor. Im Hafen zeigte sich, dass die Vorkammer einer Düse einen kleinen Riss hatte. Zunächst dachte Wolfgang daran, zu versuchen eine neue Vorkammer aufzutreiben und sich das Spezialwerkzeug zu besorgen, um das defekte Teil auszutauschen. Dann fiel uns ein, dass wir vor langer Zeit ein Zweikomponenten-Reparaturmaterial gekauft hatten, dass zur Reparatur von Metall geeignet war und Temperaturen bis 120 Grad vertragen sollte. Wolfgang probierte, den Riss damit zu schließen und siehe, es funktionierte! Er traute dem Frieden aber nicht und ab sofort durfte der Motor nur noch mit bis zu 2.000 Umdrehungen gefahren werden.

Vor uns lagen noch ca. 500 sm bis Brunsbüttel. Wir liefen also morgens bei ostsetzendem Strom aus. Gegen Mittag sah Wolfgang einen Hubschrauber auf uns zukommen, der uns zweimal umkreiste und dann abdrehte. Von Australien waren wir gewöhnt, dass wir dann auf Kanal 16 angesprochen wurden und nach Daten der Crew und des Schiffes gefragt wurden, hier blieb aber alles still. Abends, ich hatte inzwischen die Wache übernommen, sah ich im AIS ein Boot mit relativ hoher Geschwindigkeit (16 Knoten) direkt auf uns zuhalten. Ich fragte die Details im AIS ab, es sei ein „Behördenschiff“

Eine kurze Info für die Nichtsegler: AIS heißt Automatic Identification System. Seit einigen Jahren sind alle größeren Schiffe (über 300 Tonnen) verpflichtet, ihre Schiffsdaten auf einer UKW Frequenz regelmäßig auszusenden. Aber inzwischen haben auch viele kleinere Schiffe einen solchen Sender (auch die Stella). Die Empfangsgeräte zeigen die Schiffe auf einem Display an.

Also, das Behördenschiff hielt zielstrebig auf uns, reduzierte seine Geschwindigkeit als es uns erreicht hatte und rief uns auf UKW an. Die üblichen Fragen: Letzter Hafen, Zielhafen, Anzahl der Crew, Nationalität etc. Dann schlossen sie den Dialog mit der Bemerkung, sie würden zu uns rüberkommen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie endlich ihr Schlauchboot zu Wasser brachten. Nun weckte ich Wolfgang. Bei so hohem Behördenbesuch sollte der Skipper schon persönlich da sein.

Drei Mann kamen zu uns ins Cockpit, stellten nochmals zum Teil die gleichen Fragen, wollten die Schiffspapiere sehen und dann wollte einer mit Wolfgang in die Kajüte. In der Zwischenzeit erzählte ich, dass wir Besuch vom Hubschrauber hatten und sie bestätigten, dass er vom Zoll gewesen sei. Er habe an Land gemeldet, dass dort ein Schiff unterwegs sei, das offensichtlich für Atlantiküberquerungen ausgerüstet sei. Solche Schiffe sind grundsätzlich auch für Drogenschmuggel geeignet und bei den Franzosen immer verdächtig. Dies erklärte uns auch den Besuch des Zolls sieben Jahre zuvor in Cherbourg.

Die Drogeninspektion in der Kajüte fiel nur mäßig aus, der Zöllner fragte nach unseren Reisen und als Wolfgang von unserer Überquerung des Pazifik berichtete, kam er ins Schwärmen, denn er hatte ein Jahr lang Dienst in Französisch Polynesien gemacht. Sie hatten gemeinsame Erinnerungen.  Ich plauderte derweil mit den verbliebenen Zwei im Cockpit. Nach einer ganzen Weile fragte einer in die Kajüte runter, ob die Untersuchung schon abgeschlossen sei. Antwort: Oh ja, sie würden nur über unsere Reisen im Pazifik reden. Also verabschiedeten sich die Drei, die übrigens alle sehr gut englisch sprachen, einer konnte sogar etwas deutsch. Bei den Besuchen des französischen Zolls hatten wir den Eindruck, dass sie, sobald sie persönlichen Kontakt zu uns hatten, an einer Untersuchung des Bootes nicht mehr interessiert waren. Haben wir einen Greisenbonus oder sehen wir schon so vertrottelt aus, dass man uns nichts Böses mehr zutraut?

Wir setzten unseren Törn fort und erreichten fünf Tage später die Elbmündung und dann auch Cuxhaven.

Unterwegs bildete sich bei mir am Oberkiefer ein Abszess. Vor unserer Weltumseglung hatte uns unser Zahnarzt in seiner Freizeit eineinhalb Stunden Unterricht gegeben, wie wir uns verhalten sollten, wenn an den Zähnen etwas auf einer langen Seestrecke passieren sollte. Einer der Tipps war, sofort Antibiotika zu nehmen. Wir hatten auch eine spezielle Sorte erhalten. Auf der Packung stand: „Zähne“.

Es half so weit, dass wir nach Cuxhaven weitersegeln konnten. Wenn sich etwas zuspitzen sollte, wollten wir einen der zahlreichen Häfen am Wege anlaufen. In Cuxhaven bekam ich schnell einen Termin und das Abszess wurde ausgeräumt und desinfiziert. Inzwischen ist der Zahn, an dessen Wurzel das Übel saß, gezogen.

Bevor wir aber den Hafen von Cuxhaven erreichten, spielte uns das Wetter noch einen bösen Streich. Wir hatten in der Elbe im Grunde handige fünf bis sechs Windstärken von achtern, aber den Strom von vorn. Der Wind war gespickt mit starken Regenböen, die die Sicht auf 50 Meter reduzierten. Auf jeden Fall ließ der Seegang es nicht zu, eine der Selbststeueranlagen einzuschalten. Wolfgang versuchte, zunächst, alleine die Elbe hoch zu fahren. Als er mich schließlich weckte, kam wieder eine starke Regenbö und wir gerieten auf die falsche Seite des Fahrwassers und drohten dort auf die Sände zu laufen. Die Radarcontrol-Einrichtung auf der Elbe rief uns schon an, um uns zu warnen. Aber wir hatten den Fehler bereits selbst gemerkt und navigierten uns wieder auf die richtige Seite des Fahrwassers. Ganz zum Schluss, ca. eine Meile vor dem Hafen, kreuzte etwa 100 Meter vor unserem Bug eine Wasserhose unseren Kurs. So dicht hatten wir das Schauspiel noch nie erlebt. (Muss auch nicht sein).

Wir hatten inzwischen mit unserem Verein einen Zeitpunkt für unsere Ankunft ausgemacht. So segelten wir eines Nachmittags nach Brunsbüttel, am nächsten Tag ging es nach Kiel und durch die Schleusen in die Förde. Wir versteckten uns in Holtenau und gingen dort abends gut essen. Am nächsten Tag pünktlich um 11 Uhr machten wir auf unserem Liegeplatz im Heimathafen fest. Eine große Zahl von Freunden und Klubkameraden begrüßte uns, es gab Sekt und ein kleines Mittagessen.

Dies war ein schöner Abschluss unserer vierjährigen Reise in den Atlantik und das Mittelmeer. 17.000 Meilen und 16 Länder lagen hinter uns. Wir haben viele schöne Orte kennen gelernt und interessante Menschen getroffen und hoffentlich auch einige neue Freunde gewonnen.

Inge Voss und Wolfgang Dinse von der Stella Maris

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